Das Menschen-Museum, Skandal oder Bereicherung?

 

Jeden Tag stirbt ein Teil von dir, jeden Tag schwindet deine Zeit. Jeden Tag ein Tag, den du verlierst; nichts bleibt für die Ewigkeit.“ So lautet der bekannte Refrain von „Nichts bleibt für die Ewigkeit“ der Toten Hosen.

 

Ein Song, der sich mit der Vergänglichkeit unseres Lebens befasst; nichts, was die Gemüter der Menschen großartig erhitzt. Ein Song halt mit einem Text, der eventuell kurz nachdenklich stimmt, mehr aber auch nicht.

 

Anders verhält es sich jedoch, wenn es keine Musik ist, die uns an diese Vergänglichkeit erinnert. Bilder, Körper, Organe... Dinge, die uns greifbarer erscheinen, weil sie uns trotz aller Distanz plötzlich so nah scheinen. Die Körperwelten-Ausstellung zum Beispiel.

Als Wanderausstellung in der ganzen Welt bekannt, gibt es seit Februar 2015 am Berliner Alexanderplatz die erste feste Adresse der Ausstellung, das Menschen-Museum, kurz „MeMu“.

 

Neben den Befürwortern der Körperwelten gibt es auch reichlich kritische Stimmen, was jedoch aufgrund der Tatsache, dass hier echte Menschen als Exponate dienen, nicht weiter verwundert. Jedoch lohnt es sich, einen Blick auf das Thema zu werfen, sich mit den Hintergründen der Ausstellung vertraut zu machen, den Zielen, die Dr. Gunther von Hagens und seine Lebensgefährtin Dr. Angelina Whalley verfolgen und auch den Beweggründen der Spender, die ihre Körper selbstlos und ohne finanzielle Gegenleistung dem Institut für Plastination zur Verfügung stell(t)en.

 

Erfunden hat Dr. von Hagens die Plastination bereits im Jahr 1977, jedoch war es von da noch ein langer Weg, bis der heutige Stand erreicht wurde.

Durch die Plastination kann der Verfall des toten Körpers gestoppt werden, dieser in eine dauerhaft haltbare Form gebracht werden.

Ursprünglich sollte dieses Verfahren dazu dienen, Medizinstudenten authentische Präparate für ihr Studium zur Verfügung zu stellen, welche begutachtet und angefasst werden konnten. Einen Weg zu bieten, außerhalb von Operationen und Obduktionen Einblicke in den menschlichen Körper zu erhalten, zu lernen, wie dieser in seiner Komplexität aufgebaut ist und funktioniert. Ein realistisches Bild der Organe, ihrer Lage und Größe zu erhalten; gesunde Gewebe von Kranken unterscheiden zu können, somit Krankheiten zu verstehen.

Aus der Zeit meiner Ausbildung zur Krankenschwester weiß ich, welch großer Unterschied diese visuelle Form des menschlichen Körpers im Vergleich zu den Zeichnungen meiner Schulbücher war. Damals besuchte ich erstmalig die Körperwelten-Ausstellung in Oberhausen (NRW), lernte dort, im Ansatz das menschliche Blutkreislaufsystem zu verstehen.

Da Dr. von Hagens aber auch auffiel, das durchaus auch medizinische Laien sich für den menschlichen Körper, seinen Aufbau und seine Funktionen interessierten, überlegte er, wie er auch ihnen diese Präparate zugänglich machen könnte, ohne jedoch die Leute mit der nüchtern präparierten Leiche eines Menschen zu verschrecken. Oberstes Ziel der Körperwelten und des Menschen-Museums stellt die gesundheitliche Aufklärung dar.

Er entschied sich dazu, die Spender in eine ästhetische Form – die Figuren, die wir aus den Ausstellungen kennen – zu bringen; in Positionen, die wir Menschen auch zu Lebzeiten einnehmen können. Hinzu kommen auch separat ausgestellte Organe, die einem ermöglichen, sich Herz, Lunge, Leber usw. in ihrer Größe bewusst zu machen.

Bei allen Exponaten findet man ausführliche und auch für Laien sehr gut verständliche Tafeln, die sowohl über die Hintergründe wie auch die Funktionen der ausgestellten Körper und Organe informieren.

 

Was bewegt nun aber die Spender, sich hierfür zur Verfügung zu stellen und wie funktioniert das?

 

Die Beweggründe sind sehr vielfältig, jedoch trifft der häufig gehörte Vorwurf, die Spender wollen einfach nur die Beerdigungskosten sparen, auf weniger als ein Drittel zu.

Neben der persönlichen Begeisterung von der Plastination möchten viele einem guten Zweck dienen; einige möchten ihren Angehörigen die Grabpflege ersparen oder haben schlichtweg ein verständlicher Weise unangenehmes Gefühl, wenn sie daran denken, verbrannt oder begraben zu werden. Aber auch der Wunsch, der Nachwelt erhalten zu bleiben oder die nüchterne Tatsache, dass es keine Angehörigen gibt, spielen hier eine Rolle.

Bevor man Spender wird, kann und sollte man sich umfassend informieren. Eine Broschüre gibt erste Informationen, was das Plastinationsverfahren überhaupt ist, wie es funktioniert, was im Institut passiert und wofür die Plastinate letztendlich verwendet werden.

Der Spender bestätigt seine Entscheidung nach reiflicher Überlegung durch Unterschrift auf dem Verfügungsbogen und erhält einen Körperspende-Ausweis. Diese kann natürlich jederzeit widerrufen werden.

Auch kann man sich weiter gehende Informationen beim Institut für Plastination und Körperspenden einholen, telefonisch, per Post, per Email oder auf der Homepage des Instituts.

 

Das Plastinationsverfahren besteht im Wesentlichen aus drei Schritten:

Gewebswasser (Fixierung/Präparation/Sägen), Azeton (Entwässerung/Entfettung) und dem Weg vom flüssigen zum festen Kunststoff (mehrere Unterpunkte).

Diese Schritte umfassen bei einem kompletten Körper ca. 1500 Arbeitsstunden, meistens dauert es ein Jahr, bis diese abgeschlossen sind.

 

Bei meinem Besuch traf ich auf mehrere Medizinstudenten und auch einige „normale“ Besucher (es war ein Freitag morgen gegen 10.30 Uhr). Die Atmosphäre in der Ausstellung war angenehm, ruhig, pietätvoll. Direkt am Anfang findet man eine Tafel, die um Respekt gegenüber den Körperspendern bittet, auch einen Dank an diese enthält.

Das Licht sorgt für eine angepasste Atmosphäre, es ist dezent, nicht so grell, wie man es aus vielen Museen kennt. Das Konzept ist so ausgerichtet, dass die relevanten Bereiche wortwörtlich ins rechte Licht gerückt werden.

Entsprechend der Beschreibung findet man sehr gut verständliche Informationen, nicht nur zu den Funktionen des Körpers und der Organe, auch zu den Hintergründen, warum ein Exponat so vorgefunden wird, wie es ausgestellt wird. In einer Sonderausstellung kann man sich informieren, wo die Unterschiede im Leben und der Ernährung der verschiedenen Kulturkreise liegen. Hieraus kann man schließen, warum manche Erkrankungen vermehrt an bestimmten Orten auftreten; Diabetes oder Herzerkrankungen, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Überlegen sollte man sich den Besuch der vorgeburtlichen menschlichen Entwicklungsstadien; zwar wurden diese Präparate teilweise anatomischen Sammlungen und Lehrprogrammen entnommen, jedoch kann dieser Besuch auch sehr Nahe gehen. In meinen Augen nichts für sehr sensible, emotionale Besucher oder Jugendliche.

Die übrige Ausstellung denke ich kann durchaus für Jugendliche im Rahmen des Biologie-Unterrichts interessant sein, man kann viel über sich und seinen Körper lernen; sich viele Dinge mal bewusst werden lassen, die im Alltag nur „nebenbei“ laufen oder gar nicht beachtet werden (ich sag hier mal nur Gefahren durch das Rauchen, ohne Raucher ärgern zu wollen!).

Aus der Pressemappe habe ich entnommen, dass es auch Familientickets gibt, jedoch sollten die Kids wirklich von selbst Interesse an der Thematik haben, sonst sehe ich im Besuch mit Kindern wenig Sinn. Auch sollten Eltern sich sicher sein, dass sie ihren Kindern Fragen, die garantiert anfallen werden, beantworten können und wollen.

Spannend fand ich, das in der Ausstellung gut zu sehen ist, wie flexibel gerade unsere Organe im Bauchraum bei den verschiedenen Aktivitäten sein müssen, bei voller Leistung versteht sich.

Wer mag, kann auch aktiv werden, seinen Blutdruck messen oder sich am Anatomiespiegel virtuell aus seiner Haut trauen.

 

Alles in allem halte ich persönlich die Idee und die Ausstellung von Dr. von Hagens und seinem Team für eine sehr sinnvolle und lohnenswerte Einrichtung, eine Bereicherung für alle, die Interesse am eigenen Körper und seinen Funktionen haben, Interesse daran haben, auch Krankheiten mit ihren Ursachen und Folgen zu verstehen. So schrumpft zum Beispiel das Gehirn deutlich im Rahmen von Demenzerkrankungen und bildet größere Furchen, oder die Milz, die sich extrem Vergrößern kann während man bei einer Schrumpfniere überrascht ist, wie klein diese tatsächlich werden kann...

 

Gerade die Kritiker – denen ihre Meinung von meiner Seite aus auch gegönnt sei – sollten sich jedoch auch mit den Fakten und Hintergründen einmal beschäftigen und nicht sofort nach dem Motto „geht gar nicht!“ dagegen handeln, denn: das Gute an einem Besuch im MeMu ist, dass jeder selbst entscheiden kann, ob er hineingehen mag oder nicht ;) ...und die Spender haben sich auch bewusst zu diesem respektablen und ehrwürdigen Schritt entschieden.

 

Das Ganze hier ist so ausführlich, dass ich mit Sicherheit noch viel mehr schreiben könnte, aber ich denke ich habe den Rahmen jetzt schon ganz gut gesprengt...

 

Mein Dank gilt der super flexiblen Pressestelle des Menschen-Museums, die mir trotz spontaner Anfrage die freundliche Genehmigung für Reportage und Bilder erteilten.

 

Mehr Infos findet ihr hier:

 

www.memu.berlin.de

 

Auf Facebook: @MeMu.berlin

 

Adresse:

Panoramastraße 1a in Berlin

(Sockelgebäude am TV-Turm)

Tel. 030-847125526

Mail: memu@memu.berlin

 

Öffnungszeiten (ohne Gewähr):

tgl. von 10 bis 19 Uhr

 

Quellen:

eigener Besuch im MeMu am 10.03.2017

Pressemappe des MeMu

 

Text und Bilder:

Jenny Metternich

Download/Nutzung nicht ohne schriftliche Genehmigung.

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